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Stolpersteine für Frankfurt (Oder) und Słubice

 

Verlegung 2018

 

 

Paul Kant

 

Die 7. Polytechnische Oberschule in Frankfurt (Oder) trug den Namen Paul Kant.

Unter diesem Namen findet man heute im Internet eine große Anzahl von Namen ehemaliger Schülerinnen und Schüler. Auffallend stark sind die Jahrgänge der 1980er Jahre vertreten.

Das mag als Indiz dafür gelten, dass die erlebte Schulzeit nachhaltig wirkt und eine innere Beziehung zu dieser Schule besteht.

Bei der am 1. September 1961 ihrer Bestimmung übergebenen Schule handelte es sich um einen Neubau. 1966 wurde der Schule der Name verliehen. Es existierte ein Traditionskabinett, in dem sich u. a. ein von dem Maler Werner Voigt geschaffenes Porträt von Paul Kant befand.

Inzwischen ist in Frankfurt (Oder) weitestgehend alles, was an diese Persönlichkeit erinnert, getilgt.

 

Am 20. Januar 2018 hätte des 120. Geburtstages des Pädagogen gedacht werden können, am 7. März 2018 des 65. Todestages.  

Offiziell geschah das nicht.

Mit dem Stolperstein möge bleibende Erinnerung verbunden sein.

 

In Berneuchen, Kreis Landsberg/Warthe [heute: Barnówko, Woiwodschaft Wilkopolskie, Polen] wurde Paul Kant geboren. Nach dem Volksschulbesuch in Göritz [heute: Górzyca, Polen] und erfolgter dreijähriger vorbereitender Ausbildung in der Präparandenanstalt Drossen [heute: Ósno Lubuski, Polen] kam er an das dortige Lehrerbildungsseminar.

Die Ausbildung endete, weil er als Soldat in der ersten Weltkrieg musste.

Im Oktober 1919 konnte Paul Kant seine erste Lehrerprüfung ablegen. Mit bestandener Prüfung begann für ihn die Arbeitslosigkeit und erst 1922 übernahm man ihn in den Schuldienst.

Ab 1925 gehörte er der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands an und war vielseitig gesellschaftlich aktiv. Es erwies sich, dass er »ein äußerst begabter, reformfreudiger, sehr fleißiger, vorwärtsstrebender Lehrer [war].«[1]

Als er 1929 an die fortschrittliche weltliche Friedrich-Ebert-Schule in Frankfurt (O.) versetzt wurde, leistete er gemeinsam mit dem Rektor Erich Paterna vielfältige reformpädagogische theoretische und praktische Arbeit.  Im Bund der Freien Schulgesellschaft vertrat er als Vorsitzender der Frankfurter Ortsgruppe und als zweiter Vorsitzender im Bezirksverband Berlin-Brandenburg reformpädagogische Positionen, die er mit umfangreichen praktischen Erfahrungen belegen konnte. So wie er erfolgreich arbeitete, wuchsen Missgunst und sogar Hass bei konservativen Lehrkräften. Kant geriet in Widerspruch zur Politik des SPD, was ihn 1932 veranlasste, aus der Partei auszutreten.

Nach der Machtübergabe an die Nazis im Januar 1933 war Paul Kant der erste Lehrer in Frankfurt (Oder), der aus dem Schuldienst entlassen wurde. Einer drohenden Verhaftung und Einweisung in das Konzentrationslager Sonnenburg [heute: Słonsk, Polen] entging er, indem er die  Stadt verließ. Im Herbst 1933 sicherten ihm die Nazis »freies Geleit« zu, was mit der Versetzung an die Volksschule in Kunzendorf N/L [heute: Kunice, Polen] verbunden war.

Kontakte zu einer illegalen KPD-Widerstandsgruppe in Berlin-Steglitz führten dazu, dass Paul Kant als Leiter einer Widerstandsgruppe im Kreis Sorau [heute: größtenteils Landkreis Żarski, Polen] Verantwortung übernahm. Ein eingeschleuster Gestapo-Spitzel verriet die Widerstandsgruppe, sodass fünfzehn Antifaschisten verhaftet und vor Gericht gestellt wurden.

Der 5. Senat des Kammergerichts Berlin verurteilte am 31. Oktober 1936 Paul Kant zu fünf Jahren Zuchthaus wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens«.

Seine Strafe verbüßte er zunächst im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Von dort musste er 1938 in das Zuchthaus Amberg (Oberpfalz) Lager Zainried bei Weiden. Noch 1938 verlegte man Paul Kant in das Emsland, Lager II Aschendorfer Moor. In dem dortigen Konzentrationslager blieb er bis 1940, kam dann kurzzeitig in das Zuchthaus Sonnenburg [heute: Słonsk, Polen] und wurde am 2. August 1941 im KZ Sachsenhausen Häftling Nummer 38876. Im Außenlager des KZ Sachsenhausen in Berlin Lichterfelde musste er bis zur Evakuierung des Lagers Zwangsarbeit leisten. Er gehörte zu den Häftlingen, die den Todesmarsch in Richtung Ostsee anzutreten hatten. In dem Dorf Groß Pankow nahe Parchim wurde seine Häftlingsgruppe von den Soldaten der Roten Armee befreit.

 

Nach fast neunjähriger Haft kehrte Paul Kant am 23. Mai 1945 in die zu zwei Dritteln zerstörte Stadt Frankfurt (Oder) zurück.

Gezeichnet von den Haftjahren und gesundheitlich instabil übernahm er am 2. Juni 1945 das Dezernat Schulwesen in der Stadtverwaltung. Im September diesen Jahres setzte ihn die Provinzialverwaltung als Schulrat für den Stadtkreis Frankfurt (Oder) ein. Die Stadtverwaltung bestellte ihn zum 1. November 1945 als Stadtrat für das Amt für Volksbildung, dem die Dezernate Schulamt, Jugendamt, Kulturamt unterstellt waren.

Sich nicht schonend bemühte sich Paul Kant, seinen politisch-pädagogischen Überzeugungen getreu, unverzüglich um die Schaffung einer Lehrerbildungsstätte für die Ausbildung von Neulehrern und organisierte den Aufbau des neuen Schulwesens, sodass im Oktober 1945 der Unterricht wieder aufgenommen werden konnte.

Wegen seiner angegriffenen Gesundheit musste Paul Kant zum 31. Dezember 1948 die begonnene und vollen Einsatz fordernde Arbeit aufgeben. Ab 1951 wurde in Heilstätten seine Tbc behandelt. Er starb am 7. März 1953.

 

Gerhard Hoffmann

März 2018

 

 

Quellen:

 

  • Antifaschistischer Widerstandskampf in der Provinz Brandenburg 1933-1939. Teil I. Hrsg.: Bezirksleitung Potsdam der SED u.a. Potsdam o.J., S.193f.
  • Brandenburgisches Landeshauptarchiv: Pr.Br. Rep.29 ZH Brdb. Nr. pol.983.
  • Handmaterial 100. Kampfgruppenhundertschaft „Paul Kant“, o.O., 7. Oktober 1978.
  • „Ihr Kampfgenossen all“. Lebensbilder revolutionärer Kämpfer aus dem Bezirk Frankfurt (Oder). Hrsg.: Bezirksleitung Frankfurt (O) der SED. Frankfurt (Oder) 1976.
  • Museum Viadrina Frankfurt (Oder):  VI/4-84, -799, -825, -1063, -1168, -1401.
  • Stadtarchiv Frankfurt (Oder): BA II 4582.
 

[1]   Paterna, Erich, zitiert nach: Stadtarchiv Frankfurt (Oder), BA II 4582.

 

 

Verlegung 2019

 

MAX HAASE

 

5. Februar 1894 – 12. April 1974

 

 

Nach der Schulzeit Berufsausbildung als Tapezierer, in diesem Beruf tätig.

Einberufung zum Kriegsdienst, Einsatz in Frankreich dreieinhalb Jahre, zwei Mal verwundet.

November 1918 in Berlin, Verbindung zum Spartakusbund und Teilnahme am Novemberaufstand.  Nach dessen Niederschlagung im Januar 1919 kehrte er nach Frankfurt (Oder) zurück, heiratete  1921, im selben Jahr wurde sein Sohn geboren.

Im August 1923 trat er in die Kommunistischen Partei Deutschlands ein.

Er arbeitete als Bauarbeiter in verschiedenen Firmen, u. a. in Berlin.

In der Partei arbeitete er aktiv, gehörte dem Roten Frontkämpferbund an, der Roten Hilfe Deutschlands und war Mitglied der Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftschaftsbundes. Im RFB war er Fünfergruppenleiter. Da er ein eigenes Motorrad besaß, schloss er sich dem Motorradsportverein »Fichte« an. Für die KPD übernahm er Kurierfahrten und transportierte Funktionäre der Partei.

Ab 1931 arbeitslos, widmete er sich vielfältigen Aufgaben in der Partei. Im März 1933 erfolgte seine erste Verhaftung und er wurde bis April 1933 in »Schutzhaft« genommen. Nach seiner Freilassung beteiligte er sich wieder an der illegalen Arbeit der Partei, bis er im Februar 1934 erneut verhaftet wurde. Die Verhaftung erfolgte in Frankfurt (Oder), Bischofstraße 9.

Im Mai 1934 wurde er vom 6. Strafsenat des Kammergerichts Berlin wegen »Vorbereitung eines hochverräterischen Unternehmens« zu einem Jahr und drei Monaten Zuchthaus verurteilt.

Die Strafe verbüßte er im Zuchthaus Brandenburg-Görden. Nach der Entlassung stand er unter Polizeiaufsicht und wurde wieder als Bauarbeiter tätig.

Als »wehrunwürdig« wurde er 1942 für die Organisation Speer dienstverpflichtet. Mit Eingliederung der Organisation Speer in die Organisation Todt wurde Haase als »politisch unzuverlässig« in eine Bewährungskompanie kommandiert. Durch einen Bombensplitter  wurde er im April 1944 verwundet. Die Verwundung nutzte er, um im Januar 1945 sein Kommando zu verlassen und illegal nach Frankfurt (Oder) zurückzukehren, wo er die Verbindung zu in der Stadt verbliebenen genossen aufnahm.

Nach der Befreiung im Mai 1945 wurde Max Haase in den ersten demokratischen Magistrat der Stadt gewählt.

 

G. Hoffmann, 20. Februar 2019

 

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Stand: 05.12.2019