Kontakt

 

                                                                                         Stolpersteine für Frankfurt (Oder) und Słubice

++ Boian ++ Hirsch ++ Goslich ++ Plage ++ von Blume ++ Seelhorst ++ Pawlak ++ Büttner ++ Reimann ++

 

Hier wird das Schicksal von "religös und weltanschaulich Verfolgten" Frankfurter Mitbürgern dargestellt.

 

Hermann Boian (Hannelore Skirde)

 

Mitten durch die denkmalgeschützte Eisenbahnersiedlung „Paulinenhof“ führt die Hermann-Boian-Straße, einst Ostmarkstraße.

Die Umbenennung erfolgte gemäß einem Rats- und Stadtverordnetenbeschluss vom 9. bzw. 11. September 1948, initiiert durch den Bürgermeister Willy Jentsch.
Wer war Hermann Boian, dass ihm diese Ehre zuteil wurde?
Geboren am 23. Oktober 1893 im neumärkischen Polenzig, wurde er nach schwerer Kriegsverletzung als Kanonier im Ersten Weltkrieg und durch den Kontakt zur Internationalen Bibelforscher-Vereinigung zum Kriegsgegner.
Im Jahre 1922 heiratete er die Landwirtstochter Anna Penschke aus Goskar bei Crossen. Ihre Ehe blieb kinderlos. Das Ehepaar siedelte nach Frankfurt (Oder) über, wo Boian als Schiffsarbeiter beim Wasserstraßenamt tätig war.
Nach Machtergreifung der Nationalsozialisten zog er mit Wort und Schrift gegen Naziterror und Krieg zu Felde. Nach dem reichsweiten Verbot der Bibelforscher/Zeugen Jehovas bekam er ab 1935 diesen Terror am eigenen Leibe zu spüren. Ständige Beobachtung gipfelte darin, dass ihn die Gestapo am 14. Januar 1939 aus seiner Wohnung, Große Müllroser Straße 23 d, holte und ihn ins Frankfurter Gerichtsgefängnis steckte. Vorwürfe: Staatsfeindlichkeit und Hochverrat. Kaum freigelassen, verschleppten ihn die Nazis am 11. Juni 1939 ins Konzentrationslager Sachsenhausen. Erfasst als Häftling Nr. 1230 erlag Hermann Boian am 22. Januar 1940 den Qualen der KZ-Behandlung. Dabei hätte er nur einen Vordruck zu unterschreiben brauchen, dass er seinem Glauben an Jehova Gott ab-schwört und er wäre freigekommen. Doch konnten das die meisten inhaftierten und gepeinigten Zeugen Jehovas nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren. „Standhaft bis in den Tod“ war ihre Devise – im Vertrauen auf die biblische Zusicherung im Jakobus-Brief 1:2, wo es heißt: „Glücklich ist der Mann, der die Prüfung erduldet, denn nachdem er sich bewährt hat, wird er die Krone des Lebens empfan-gen, die Jehova denen verheißen hat, die ihn beständig lieben!“ und in der Offenbarung 2:10: „Erweise dich als treu selbst bis in den Tod, und ich will dir die Krone des Lebens geben!“.

Auf der Grabstelle von Anna Boian, die 1966 in Frankfurt (Oder) verstarb, befindet sich auf ihrer Stele die in kleinen Buchstaben eingemeißelte Notiz: „Zum Gedenken an Hermann Boian, gest. 22.1.1940 in Sachsenhausen.“

 

Kaplan Albert Hirsch (Caritas)

 

Albert Hirsch wurde am 7. August 1894 in Charlottenburg am damaligen Stadtrand Berlins geboren. Nach seinem Militärdienst im Ersten Weltkrieg, bei dem er in Flandern verwundet wurde, studierte er Theologie in Breslau und erhielt am 19. Juni 1921 seine Priesterweihe. Als Kaplan wirkte er unter anderem in Luckenwalde und Berlin, zudem vom 14. Januar 1926 bis zum 25. November 1929 in Frankfurt (Oder).

 

Kaplan Albert Hirsch

 

Als Kuratus arbeitete er danach von Dezember 1929 bis April 1931 in Berlin-Wedding. Ab 1. Mai 1931 übernahm Albert Hirsch die Pfarrstelle der seit 1820 bestehenden kleinen Gemeinde St. Peter und Paul in Louisenthal, dem heutigen Borzyslawiec, mit 127 Gläubigen. Sie bildete eine Diaspora in der Region Gollnow (Goleniow), wo ebenfalls die kleine Gemeinde St. Georg existierte, die 250 Gläubige zählte. Deren Pfarrer war damals Jerzy Kubiak. Die Gläubigen aus Louisenthal waren arme Bauern. Pfarrer Hirsch teilte mit ihnen die Mühen des Lebens, selbst kämpfend mit den ihm nach 1939 bereiteten Schwierigkeiten durch das Hitlerregime, welches immer mehr die Seelsorge zu attackieren begann.
Hirsch war ein bescheidener und bei den Gläubigen sehr beliebter Seelsorger. Allerdings hatten die damaligen Machthaber eine andere Meinung über den Priester, weil er nicht den Parteigruß erwiderte und staatliche Versammlungen mied. Statt dessen unterhielt er Kontakte zu den Pfarrern in Stettin (Szczecin) und Gollnow. In Stettin hörte er verbotene Radiosender und kümmerte sich besonders um Kranke und ungetaufte Kinder. Die großen Aktivitäten des Pfarrers Hirsch gefielen den Machthabern, die ihn beobachteten, nicht. Deshalb wurde er unverhofft am 2. März 1943 von der Gestapo verhaftet und am 30. Juli 1943 vor ein Sondergericht in Stettin gestellt. Angeklagt wurde er wegen Verbreitung antistaatlicher Aussagen sowie Kontakten zu polnischen Zwangsarbeitern, die in Luisenthal und umliegenden Dörfern beschäftigt wurden. Pfarrer Hirsch lief oft zu Fuß zum Dienst an den Menschen, die weiter von der Kirche entfernt wohnten.
Im Rahmen einer groß angelegten Aktion der Gestapo gegen die katholische Kirche in Westpommern führten die Regierenden im Sommer 1943 zahlreiche Verhaftungen von Pfarrern in Stettin und den Dorfpfarreien durch. Infolge dessen verurteilte das Sondergericht in Stettin Pfarrer Hirsch zu einer Haftstrafe von 4 Jahren im Gefängnis in Gollnow und zu 5 Jahren Verlust der bürgerlichen Rechte. Das Gefängnis in Gollnow war als hart bekannt. Dort traf Hirsch den bereits erwähnten Pfarrer Kubiak, der in Gollnow auch Gefängnisseelsorger war. Im Gefängnis machten Hunger und schwere Arbeit besonders zu schaffen. Pfarrer Hirsch ertrug alles geduldig, bis zum langsamen Verlust der Gesundheit. Er starb vor Entkräftung und Hunger in der Nacht des 22. August 1944.
Sein letzter Wunsch war, in Louisenthal neben dem Grab seiner Mutter auf dem Friedhof neben der Kirche begraben zu werden. Zur letzten Ruhe geleiteten die treuen Bauern ihren Pfarrer. Dort ruht er noch heute. Albert Hirsch war eines der vielen Opfer der verfolgten katholischen Kirche in Westpommern.

Am 22. August 2000, anlässlich des 56. Todestages von Albert Hirsch, hielt Pfarrer Joachim Klingebiel aus Deutschland eine Heilige Messe in Konzelebration mit den polnischen Seelsorgern in Borzyslawiec.

 

Marie Eva Elwine Goslich
Ihren Idealen blieb sie treu -
Marie Goslich 1859-1938 und ihre
Heimatstadt Frankfurt an der Oder

von Martin Schieck und Krystyna Kauffmann

 

Marie Eva Eweline Goslich

 

 

Eine Büchervernichtung auf andere Weise von Gerd Hoffmann

 

Es gab in Frankfurt keine öffentliche Bücherverbrennung[i], aber eine überaus schändliche Vernichtung von Literatur auf  andere Weise.

Am 3. April 1933 erschien in der „Frankfurter Oder – Zeitung“ eine kleine Meldung. Sie verkündete kurz: „Felix Plage im Ruhestand“. Hinter diesen Worten verbarg sich eine persönliche Tragödie, gleichermaßen eine gesellschaftliche, die mit der am 31. Januar 1933  vollzogenen Machtübergabe an die Nazis im unmittelbaren Zusammenhang stand.

Der am 1. November 1866 in Breslau geborene Felix Plage war ursprünglich Mittelschullehrer, bevor er sich ab 1906 dem Bibliothekswesen widmete. Seit 1917 war er auch Leiter der „Bücherberatungsstelle für den Regierungsbezirk Frankfurt“,

die den kleineren Bibliotheken in den Gemeinden Anleitung gab. Von bescheidenen Anfängen – am 1. April 1906 wurde durch ihn die „Städtische Buch- und Lesehalle“ eröffnet – entwickelte er das hiesige Bibliothekswesen. 1933 schrieb ein Einwohner:

„Die Entwicklung der Städtischen Büchereien und Archive, die sich in kleinsten Schritten vollzogen hat, ist Plages Lebensarbeit, an der er mit allen Fasern seines Herzens hing, auf die er stolz sein kann und der auch durch die vorgesetzte Stelle die verdiente Anerkennung zuteil geworden ist.“

Neben dieser verantwortungsvollen Tätigkeit arbeitete er intensiv an der Erforschung der Frankfurter Geschichte. In Würdigung seines außerordentlichen Bemühens um das Bibliothekswesen wurde die Altersgrenze, womit damals die Pensionierung einherging, für ihn, der sogar zum ehrenamtlichen Stadtrat gewählt worden war, auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben. Einen Höhepunkt seiner erfolgreichen Tätigkeit  bildete 1932 der Umzug in das so genannte „Nippe – Haus“, in dem sich die Stadtbibliothek noch heute befindet. Plage war ein „ehrlicher Demokrat“.

Eine Bibliothekarin schrieb:

„ ... ein kluger Kopf, voll eines enormen Wissens ... mit offenem kritischen Blick, außerordentlich belesen und orientiert auf den Gebieten der Weltanschauung, Kunst, Literatur und Sprache ... “

Ein solcher Mann passte nicht in das Volksgenossenklischee der Nazis. In Frankfurt (Oder) begannen sie ihn zu demontieren und sein wahrhaft humanistisches Werk.

Dann jagten ihn die Nazis aus seiner Wirkungsstätte. Am 1. April 1933 musste er sich von seinen Mitstreitern verabschieden. Der langjährige Direktor der städtischen Büchereien und Archive war geschasst.

In der „Frankfurter Oder – Zeitung“ wurden die Gründe dafür – wenn auch verschleiert –  offenbart:

„Es mag ihm daher auch nicht mehr ganz leicht gefallen sein, sich auf die Gegenwart mit ihren Erfordernissen umzustellen.“ 

In einem NS – Bericht dagegen hieß es brutal, dass Plage „hinweggefegt“ wurde.

Ab 1. Januar 1934 übernahm Dr. Franz Schriewer die Leitung der Bücherei. Ein ausgewiesener Fachmann, der nicht die Kraft hatte, sich den Nazis zu widersetzen.

Für ein halbes Jahr wurde nach seinem Amtsantritt die Bibliothek geschlossen. Offiziell sprach man von einer „Reorganisation“.

Die „Frankfurter Oder – Zeitung“ meldete:

„Während der sechs Sperrmonate hat man in der Bücherei eine geradezu ungeheure Arbeit geleistet. Unter Leitung des Stadtbibliothekars ... ist die ganze Bibliothek von Grund auf neu aufgebaut worden. Alles liberalistische, schädliche und veraltete Zeug wurde gründlich ausgemerzt.“

Gab es am 15. März 1934 noch 28.693 Bücher, die zum Bestand gehörten, so existierten zu Beginn des Jahres 1935 nur noch 11.277 Bände als „aktiver Bestand der Ausleihe“.

Die dafür Verantwortlichen lobten ihren Eifer:

„ ... ohne daß man großes Rühmen davon machen wolle, Frankfurt ... stehe auf diesem Gebiet an erster Stelle aller deutschen Büchereien ... “

Der neue Leiter der Stadtbücherei bekräftigte das 1933 eingeleitete Verfahren:

„Diese Bücherei, herausgewachsen aus dem nationalsozialistischen Erziehungswillen, soll diesen Willen in die Praxis übertragen, und so ist sie von mehr als nur örtlicher Bedeutung für die nationalsozialistische Erziehung durch das Buch. Zunächst eine städtische Angelegenheit, ist sie zugleich Glied eines großen Gesamtaufbaus.“

Ebenso nationalsozialistisch eifernd war  1933 eine Umgestaltung des heimatgeschichtlichen „Lienau – Museums“ in „durchgreifender und sehr geschickter Weise“ vorgenommen worden.

Bücher wurden wahrlich in der ehemals ehrwürdigen Universitätsstadt Frankfurt (Oder) nicht verbrannt.

Der aus dem Amt getriebene  Felix Plage  hatte resigniert, er lebte völlig zurückgezogen. Am 1. November 1936 hatte der noch junge Kommunalpolitiker Dr. Gero Friedrich den Mut, anlässlich des 70. Geburtstages von Plage und der Neugestaltung des Frankfurter Lesesaals an den „Demokraten“ und „Entlassenen“ in Worten voller Dankbarkeit zu erinnern. Plage starb 1939 im fernen Freiburg im Breisgau. Von Seiten unserer Stadt wurde ihm und seinem Lebenswerk kein Nachruf gewidmet.

[1] Bücherverbrennung – Unter Regie von Joseph Goebbels wurden am 10. Mai 1933 in Berlin und anderen deutschen Universitätsstädten auf Scheiterhaufen Bücher verbrannt. Zuvor waren Listen mit Namen bzw. Titeln „undeutscher“ Schriftsteller veröffentlicht. Die Liste von durch die Nazis verbotenen Büchern umfasste zwölftausendvierhundert Titel und einhundertneunundvierzig Autoren

 

 

 

Wilhelm von Blume  (Hannelore Skirde)

 

Wilhelm von Blume wurde am 16. November 1892 in Rappolsweiler geboren. In Frankfurt (O) war er als Angestellter tätig und wohnte 1933 in der Gubener Straße 35, bei seiner Verhaftung 1937 in der gleichen Straße, aber Hausnummer 66. Auch er gehörte zu den Zeugen Jehovas und wurde somit als „Schutzhäftling /IBV“ kategorisiert.

Am gleichen Tag wie August Seelhorst – dem 7. August 1937 – steckte man ihn ins KZ Sachsenhausen, verpasste ihm den „lila Winkel“, die Häftlingsnummer 000647 und eine schmale Pritsche im Block 12, später im Block 36.

Solange mehrere Glaubensbrüder in einem Block untergebracht waren, konnten sie sich gegenseitig ermuntern und Kraft geben zum Durchhalten. Und glaubensmäßig standhaft zu bleiben, war damals eine große Herausforderung. Den Zeugen Jehovas wurde nämlich ein Formular vorgelegt, auf dem sie sich mit ihrer Unterschrift verpflichten sollten, ihrem Glauben abzuschwören und künftig staatshörige Bürger zu werden. Dann hätte man ihnen sofort die Freiheit geschenkt. Nur sehr wenige ‐ in dem Falle ehemalige ‐ Zeugen Jehovas

ließen sich auf solch eine Unterschrift ein. Die meisten aber – so auch August Seelhorst und Wilhelm von Blume – blieben standhaft trotz Verfolgung und Pein.

Treu bis in den Tod. Der kam für Wilhelm von Blume am 19. Januar 1940. Als Todesursache liest man „Körperschwäche“ in den KZ-Unterlagen. Zudem war es ein bitterkalter Winter, in dem es den KZ-Aufsehern ein Vergnügen war, die Häftlinge für „geringste Vergehen“ unbekleidet in den Frost zu stellen und mit Wasser zu überschütten. Das überlebten die meisten nicht lange.

Wilhelm von Blumes Körper wurde in Berlin-Baumschulenweg eingeäschert und seine Asche in Frankfurt (O) beigesetzt.

 

Quellen: Adressbuch Frankfurt (O) von 1933, Auskünfte vom KZ Sachsenhausen und vom KZ Ravensbrück, Auskünfte des Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen, Informationen vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam)

 

 

 

August und Regina Seelhorst (Hannelore Skirde)

 

Der am 5. April 1895 in Lavesloh, Kreis Nienburg, geborene August Seelhorst war in der ersten Hälfte der 1930er Jahre in Frankfurt (Oder) als Justizinspektor tätig. Er und seine Frau Regina, geborene Bautze, gehörten der „Internationalen Bibelforscher-Vereinigung“ (IBV) an, die sich 1931 nun weltweit „Jehovas Zeugen“ nannten, um weniger ihrem Forschen, sondern Gott Jehova die Ehre zu geben. Ihre Organisation bekam den Namen „Wachtturm Bibel-­‐ und Traktat-Gesellschaft der Zeugen Jehovas“. Als die Zeugen und ihre Organisation nach Antritt der Hitler-Regierung 1933 in einigen deutschen Ländern und 1935 in ganz Deutschland verboten wurden, betätigten sie sich im Untergrund weiterhin mit der Verkündigung der guten Botschaft Gottes – gemäß dem Bibelbuch Apostelgeschichte 5 Vers 29, wo es heißt: „Wir müssen Gott mehr gehorchen als den Menschen“. Nun ging der Staat hart gegen sie vor. Sie verloren ihre Arbeit, ihre Wohnungen, Rentenansprüche, ihre Kinder wurden häufig in Heime oder zu Pflegefamilien gesteckt und anderes.

So erging es auch August Seelhorst. Nach einem Dienststrafverfahren verlor er seine Anstellung wie auch seine Wohnung in der Großen Müllroser Straße 54. Er und seine Frau fanden zunächst Unterkunft bei Familie Bautze in Ziltendorf, ehe sie nach Reppen (heute Rzepin) zu Frieda Bautze – einer weiteren Verwandten Reginas, die ebenfalls Zeugin Jehovas war – in die Adolf-Hitler-Straße 28 zogen.

Hier wurde August Seelhorst wegen seiner Tätigkeit als Zeuge Jehovas verhaftet, ins Gerichtsgefängnis Frankfurt (O) gesteckt und am 7. August 1937 ins Konzentrationslager Sachsenhausen überführt. Als Schutzhäftling der Kategorie „IBV“ erhielt er die Häftlingsnummer 000613, den „lila Winkel“ an die Häftlingskleidung und kam in den Block 12. Nach mehrmaligen Verlegungen (u.a. in den Block 36) innerhalb des KZ verstarb er am 24. oder 25. März 1939 (verschiedene Angaben in den Unterlagen) an Lungenentzündung und wurde laut Unterlagen auf dem Friedhof Berlin‑Baumschulenweg beigesetzt.

Seine Frau Regina, geboren am 5. Januar 1893 in Berlin, war ebenfalls in Reppen verhaftet worden. Die Gestapo veranlasste am 27. Juli 1939 ihre Einlieferung ins KZ Ravensbrück (Häftlingsnummer 2007). Im März 1944 überstellte man sie ins KZ Mauthausen/Kommando Schloss Mittersill. Zum Ende des Krieges 1945 wurde sie befreit. Am 4. März 1976 verstarb sie in Müden (Aller).

 

Quellen: Adressbuch Frankfurt (O) von 1933, Auskünfte vom KZ Sachsenhausen und vom KZ

Ravensbrück, Auskünfte des Internationalen Suchdienstes Bad Arolsen, Informationen vom Brandenburgischen Landeshauptarchiv Potsdam)

 

 

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von Martin Schieck und Krystyna Kauffmann
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Verlegung 2019

 

Stadtgeschichtliche Aspekte der „Euthanasieaktion“ in Frankfurt (Oder) von Konrad Tschäpe

 

Der Begriff „Euthanasie“ stammt aus dem Griechischen und ist zu übersetzen etwa mit „schönes Sterben“. Er wurde während des Nationalsozialismus verwendet, um eines der ersten Massenverbrechen dieser totalitären Herrschaft zu tarnen und schönzureden: Die gezielte massenhafte Vernichtung vermeintlich „lebensunwerten Lebens“. Was lebenswert und –unwert war, bestimmten während der NS-Herrschaft einige Wenige. Die Vernichtung „lebensunwerten Lebens“ mündet sowohl in praktischer wie auch ideologischer Hinsicht direkt in den Rassenmord, also den Holocaust, den Mord an Juden, Sinti und Roma und anderen, deren Leben man für lebensunwert erklärte. Sie führt zu einer Entgrenzung der Unmenschlichkeit und Gewalt, die in dieser Form historisch einmalig ist.

 

Insgesamt 300.000 Menschen fielen der Euthanasieaktion in Deutschland und den besetzten Gebieten zwischen 1939 und 1945 zum Opfer. Der Terror gegen Kranke, Pflegebedürftie oder für krank- oder randständig Erklärter beginnt aber bereits 1933/34 mit dem „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“, durch das kranke und auffällige Menschen zu Zwangssterilisierungen freigegeben wurden.

 

Obwohl der Kenntnisstand über vererbbare Leiden gering war, setzte man schon hier Menschen Eingriffen aus, die ihr Leben irreversibel veränderten. Neben Behinderten und Kranken betraf dies Alkoholiker, „Asoziale“, Straffällige, „Arbeitsscheue“ oder KZ-Häftlinge. Etwa 400.000 Menschen fielen den Zwangssterilisierungen bis 1945 zum Opfer, Tausende starben an dem operativen Eingriff. Viele Hunderte oder Tausende begingen aus Scham oder Verzweiflung über die demütigende Operation Selbstmord. Damit nicht genug, in den Heil- und Pflegeanstalten wird nach und nach „Sonderkost“ eingeführt und die Pflegesätze herabgestuft. Mangelernährung ist die Folge: Schon jetzt steigen in fast allen Anstalten die Sterberaten.

 

Gezielt ermordet wurden ab 1939 erstmals Kinder mit meist schweren bis schwersten Behinderungen. Etwa 5.000 Kinder wurden in ca. 40 Kinderfachabteilungen von Anstalten und Krankenhäusern mit Luminal oder Morphin zu Tode gespritzt. Die Giftspritzen waren besonders wirksam, wenn man die Opfer vorher Hunger leiden ließ. Viele starben auch direkt qualvoll an Unterernährung. Gerade in der zweiten Euthanasie-Phase nach August 1941 spielte diese Mordmethode eine herausragende Rolle und wurde immer weiter verfeinert. In direkter Nachbarschaft zum Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) wurde im besetzten Polen sofort mit massiven Krankentötungen begonnen, wobei das Krankenpersonal und diejenigen Polen, die man zur Beerdigung der Leichen zwang, gleich mit ermordet werden. Im Oktober 1939 wurden dabei im Fort VII der Festung Posen erstmals Menschen mit Kohlenmonoxid vergast.

 

In der ersten Euthanasiephase zwischen 1939 und 1941 wurden massenhaft Kranke und Pflegebedürftige ermordet, großteils in extra eingerichteten Gaskammern. Sie befanden sich in sechs zentral eingerichteten Tötungsanstalten: in Brandenburg an der Havel, Hadamar, Grafeneck, Sonnenstein/Pirna, Hartheim bei Linz und Bernburg an der Saale. Etwa 70.000 Menschen verloren bis zur offiziellen Aussetzung der Euthanasieaktion Ende August 1941 auf diese qualvolle Weise ihr Leben. Organisiert und durchgeführt wurden die Morde von mehreren Tarnorganisationen, welche die „Kanzlei des Führers“ gegründet hatte. Verantwortlich waren der Chef der „Kanzlei des Führers“, Philipp Bouhler und Hitlers Leibarzt Karl Brandt.

Die Ermordung Kranker und Pflegebedürftiger war in der Öffentlichkeit nicht geheimzuhalten, sie führte zum Protest Angehöriger und der Kirchen. Den wohl deutlichsten öffentlichen Protest gegen die Mordaktion äußerte am 3. August 1941 Bischof Clemens August Graf von Galen in einer Predigt in Münster. Der Protest bewirkte, so die auch heute noch häufig zu treffende Annahme, dass Hitler nachgeben musste und die Euthanasieaktion gestoppt wurde. Diese Annahme ist jedoch falsch. Was tatsächlich zumindest weitgehend gestoppt wurde, war das Töten von Anstaltsinsassen in Gaskammern ab dem 24. August 1941.

 

Das Töten selbst hingegen wurde bis Kriegsende niemals eingestellt, es wurde von nun an lediglich dezentral organisiert, der Kreis der Opfer wurde ausgeweitet, und die Tötungsmethoden änderten sich. Auch einige Gasmordanstalten in Deutschland wurden weiterbetrieben: Zur Ermordung von KZ-Häftlingen, die als nicht arbeitsfähig eingestuft wurden. Diese Aktion ist nach einem Tarn-Aktenkürzel als „Aktion 14f13“ in die Geschichtsbücher eingegangen, etwa 20.000 Menschen fielen ihr zum Opfer. So kam es, dass selbst etliche Täter, die nach Kriegsende vor Gericht gestellt und befragt wurden, von einem Stopp der Euthanasieaktion nichts bemerkten. Für Auschwitz bedeutet der Vergasungsstopp eine Zäsur: Hatte man zuvor die zu Ermordenden der 14f13-Aktion in Vergasungsanstalten verbracht, beginnt man hier wenige Tage später selbst, mit Gas zu morden. Am 3. September 1941 beginnt der KZ-Arzt Schwela damit, rund 600 sowjetische Kriegsgefangene und knapp 300 kranke Häftlinge erstmals mit Zyklon B zu ermorden. Aber auch die Leitung und sämtliche Kommandanten der Vernichtungslager Belzec, Sobibor und Treblinka übernehmen Euthanasie-Funktionäre. Sie unterstehen weiterhin der Kanzlei des Führers, dort bleiben ihre Personalakten, von dort werden für sie Lebensmittel eingekauft und das Gehalt ausgezahlt. Urlaub machen sie in Erholungsheimen von T4, die der Kanzlei des Führers untersteht. Post wird über die Euthanasiezentrale in der Tiergartenstraße 4 in Berlin mit dem Vermerk „Osteinsatz“ abgewickelt.

 

Es wird klar, dass die „Euthanasie“ der NS-Zeit über die Ermordung Kranker und Pflegebedürftiger weit hinausging. Während der „Euthanasie-Aktion“ wurden auch Menschen aus Altersheimen, Obdachlose, sogenannte „Arbeitsscheue“, Alkoholiker, verstörte Opfer der Bombardierungen oder traumatisierte und verletzte Soldaten ermordet, aber etwa auch vollkommen gesunde, teilweise jüdischstämmige Kinder (sogenannte Halb- und Vierteljuden). Kranke und pflegebedürftige Menschen jüdischer Herkunft gehörten zu den ersten, derer man sich durch Mord entledigte. Auch Menschen, die politische Kritik äußerten, konnten für psychisch krank erklärt und getötet werden. Der Massenmord beabsichtigte, sogenannte „unnütze Esser“ zu beseitigen, Kritiker auszuschalten sowie vermeintlich „lebensunwertes Leben“ zu vernichten.

 

In der zweiten Phase der Euthanasie sind Hunger und Gift die Mittel der nicht selten qualvollen Morde. Die Angehörigen werden nach dem Tod der Patienten zwar benachrichtigt. Doch so gut wie nichts stimmt in den Angaben, die man über den Toten macht. Trostbriefe werden meist nach Schema verfasst. Die Vergasungsärzte unterschreiben die Totenscheine mit Falschnamen. Sterbedaten sind gefälscht – auch um noch Pflegesätze nach dem Tod des Pflegebedürftigen abzukassieren –, ebenso grundsätzlich Sterbeort und selbstredend Todesursache. Um diese Urkundenfälschungen zu bewerkstelligen, verfügen die Mordanstalten über eigene Sonderstandesämter. Die Urnen, die man an die Angehörigen versendet, enthalten „nie“ – so ausdrücklich der Euthanasie-Spezialist Ernst Klee – die Asche der Ermordeten.

Den Angehörigen der verschiedenen Anstalten fielen die vom plötzlichen Tod gefolgten Verlegungen ihrer Verwandten auf. Schnell war klar, dass es sich nicht um Einzelfälle handelte. Die Busse, die voll mit Menschen zu den Mordanstalten fuhren und stets leer zurückkehrten werden in der Öffentlichkeit bemerkt. In der Nähe der Anstalten sind penetrante, ekelerregende Gerüche zu spüren – von den verbrannten Leichen. In der Umgebung der Mordanstalt Hartheim redet man den Anwohnern ein, der Geruch käme durch die Destillation von Altölen und Abfallölen. Wer allerdings unsinnige Gerüchte über Menschenverbrennungen verbreite, müsse mit der Einlieferung in ein KZ rechnen. (Klee) Am allerwenigsten war die Mordaktion vor den Patienten und Kranken selbst geheim zuhalten. „Es gibt Beispiele über Beispiele, dass die Opfer wissen, was mit ihnen geschieht.“ – schreibt Ernst Klee. Selbst Schwerstbehinderte ahnen oftmals, was ihnen bevorsteht, wie vielfach bezeugt ist.

 

Bezüge zu Frankfurt (Oder)

 

Im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) lagen (mindestens) zwei wichtige Anstalten, die mit der Euthanasiegeschichte zu tun hatten, eine dritte Anstalt in Sorau ist bisher kaum untersucht worden, wir wissen lediglich, dass sie an Sterilisationen beteiligt war. Bedeutsam war vor allem die 1904 gegründete Landes-Heilanstalt in Meseritz-Obrawalde, die ursprünglich zur Provinz Posen gehörte. Später kam die Anstalt zu Brandenburg, vertraglich wurde 1939 geregelt, dass nun Kranke aus Berlin hierher verlegt werden konnten. Leiter der Anstalt war Walter Grabowski, ein Nichtmediziner, der dafür offenbar bereits in die frühen Krankenmorde in Polen verwickelt war. Ab Sommer 1942 wurden hier Menschen massiv mit Giftspritzen ermordet oder durch Zwangsarbeit in Fabriken und Industrie – ähnlich wie in den deutschen Konzentrationslagern. Insgesamt verloren hier etwa 10.000 Kranke auf diese Weise ihr Leben, erhalten sind 4.000 Krankenakten.  In einem erhaltenen Register für das Jahr 1944 werden 3948 Personen registriert, die eingeliefert werden. Von diesen knapp 4000 Menschen überleben höchstens 134 Personen. Die Ermordeten wurden in Massengräbern im Umfeld der Anstalt bestattet oder im Krematorium der Stadt Frankfurt (Oder) verbrannt.

 

Weiterhin lag die Heil- und Pflegeanstalt Landsberg an der Warthe im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder). Wieweit sie in die Mordaktionen der zweiten Euthanasieaktion eingebunden war, wissen wir nicht. Auffällig ist die Verdoppelung der Todeszahlen in Landsberg in der Zeit der zweiten Phase der Euthanasie. Dies deutet auf gezielte Patientenmorde auch in dieser Anstalt hin. Sie wird aber auch als eine von reichsweit elf zentralen Sammelstellen für geisteskranke Ostarbeiter und Polen genannt, hier sollen sie aus den Gebieten Pommern, Mecklenburg, Kurmark und Berlin dorthin verbracht werden.

 

Die Stadt Frankfurt (Oder) selbst hatte zumindest keine eigene größere Anstalt, aus der während des Nationalsozialismus Menschen direkt ermordet werden konnten. Auf dem Gelände der Wichern-Diakonie befand sich damals ein „Evangelisches Fürsorgeheim für Mädchen“, in dem bis zu 150 „sittlich gefährdete“ Mädchen untergebracht waren bzw. Obdach und Schutz fanden. Auch Mädchen mit geistigen Beeinträchtigungen hätten „hin und wieder“ Aufnahme in diesem Heim gefunden; wie hoch ihr Anteil war, lässt sich wohl nicht mehr ermitteln. Theoretisch konnten auch „sittlich gefährdete“ Menschen als Psychopathen oder „ethisch Schwachsinnige“ erfasst werden und in die Maschinerie von Erbgesundheitsgerichten und Euthanasie geraten. Dass das Frankfurter Fürsorgeheim hiervon betroffen war, ist bisher nicht bekannt geworden. Menschen, die aus Frankfurt kamen und als behindert oder psychisch krank eingestuft wurden, kamen vielmehr häufig in die Anstalten in Potsdam oder Landsberg/Warthe. Von hier aus wurden sie in der zentralen Phase der Euthanasie häufig nach Brandenburg oder Bernburg verschickt, wo sie vergast wurden. Am Bundesarchiv konnten gut 40 gebürtige Frankfurter ermittelt werden, die auf diese Weise den Tod fanden.

 

Eine Rolle spielt der Frankfurter Hauptfriedhof als letzte Ruhestätte für Euthanasieopfer. Stichprobenartige Untersuchungen der Beerdigungsregister brachte die Namen von 9 Menschen zum Vorschein, die an Euthanasieopfer erinnern, die in Frankfurter Erde liegen. Die Untersuchung der Beerdigungsregister ist allerdings noch nicht abgeschlossen. Zudem wurden auch den Friedhöfen zu NS-Zeiten systematisch gefälschte Angaben zu Todesart, Todesort und –datum übermittelt. Deshalb sind für alle – wichtigen! – Hinweise, die sich in den Friedhofsakten finden, weitere Nachforschungen notwendig. Die Asche der hier beerdigten Menschen ist – ebenfalls aufgrund solcher Fälschungen – mit höchster Wahrscheinlichkeit nicht die Asche derjenigen, deren Namen auf den Urnen angegeben ist. Insofern erinnern die Urnengräber heute in doppelter Weise an Opfer der Euthanasiemorde: an diejenigen, in deren Namen die Asche beigesetzt wurde – und an das anonyme Euthanasie-Opfer, dessen Asche tatsächlich in Frankfurter Erde ruht. Sie erinnern auch an die bis in letzte Details gehende, abgrundtiefe Menschenverachtung der Euthanasiemörder.

 

Darüber hinaus war Frankfurt als „Landeshauptstadt“, also als Sitz des Regierungsbezirks, ein Ort, an dem sich etliche Gerichte befanden. Unter diesen Gerichten gab es auch das sogenannte Erbgesundheitsgericht, in dem über den gesundheitlichen Zustand von Menschen befunden wurde. Insgesamt gab es über 200 Erbgesundheitsgerichte im Deutschen Reich, innerhalb der Provinz Brandenburg befanden sich weitere Gerichte in Neuruppin, Potsdam und Prenzlau sowie speziell im Regierungsbezirk Frankfurt (Oder) Cottbus, Guben und Landsberg/Warthe.

 

Dieses Gericht ordnete – üblicherweise nach Aktenlage – bisher ungezählte Sterilisationen von Menschen an, die als erbkrank oder in besonderer Weise für randständig befunden wurden. Die Zwangssterilisationen wurden in der Stadt Frankfurt vor allem im Städtischen Krankenhaus sowie dem Lutherstift durchgeführt, wo vom Frankfurter Erbgesundheitsgericht Verurteilte – auch aktenkundig gegen deren ausdrücklichen Willen – sterilisiert wurden. Mindestens eine Person, die vom Frankfurter Erbgesundheitsgericht zur Zwangssterilisation verurteilt wurde, starb an den Komplikationen des Eingriffs.

 

Richard Pawlak

 

Richard Pawlak wird 1912 in Frankfurt (Oder) in die Familie eines Reichsbahnbeamten geboren und arbeitet als Bürogehilfe einer Lebensversicherungsgesellschaft. Als er sich – etwa zwanzigjährig –auffällig verhält, kommt er zunächst in das Frankfurter Städtische Krankenhaus. Dort stellt ein Arzt aus der Inneren Abteilung bei seinem Patienten „Jugendirresein (Schizophrenie)“ fest. Richard Pawlak wird kurz darauf in der Brandenburgischen Landesanstalt Landsberg a.W. in Behandlung genommen.

In der Krankenakte findet sich ein umfangreicher Briefwechsel mit den Eltern von Richard Pawlak. Bei der Lektüre bekommt der Leser eine Vorstellung davon, was es bedeutet, wenn ein 20jähriger durch Krankheit plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Man spürt die Sorge der Angehörigen, die sich dazu in recht weiter Entfernung vom Sohn befinden. Sie können hauptsächlich über Briefe und Postkarten mit der Anstaltsleitung den Kontakt aufrechterhalten, um auf diese Weise zumindest rudimentäre Informationen zum Befinden des Angehörigen zu erhalten. So wie vielleicht heute bei Krebspatienten wird erst nach und nach klar, welchen Verlauf die Krankheit nimmt. Im Fall von Richard Pawlak schwinden die zunächst bestehenden Hoffnungen der Angehörigen auf Heilung des Sohnes und Bruders über einen sich wahrscheinlich endlos hinziehenden Zeitraum.

Die lakonische Notiz „20.4.[19]40. Wird mit Sammeltransport überführt“ in seiner Krankenakte zeigt den Transport in die Todesanstalt an. Paul Reinhard wird in Brandenburg ermordet. Die Akten des Frankfurter Hauptfriedhofs verzeichnen ein Urnengrab für Richard Pawlak in dessen Heimatstadt.

 

Quelle: Bundesarchiv BA R179-17541

 

Dorothea Büttner, geborene Raschke

 

Über das Schicksal von Dorothea Büttner ist nicht viel bekannt. Sie wird 1880 in Ziebingen Krs. Weststernberg geboren. Im Alter von 57 Jahren muss sie eine Malariakur über sich ergehen lassen, wird im Folgejahr jedoch abermals krank, leidet an Sprachstörungen, Gedächtnisschwäche und schließlich Halluzinationen. Zu diesem Zeitpunkt lebt sie in „Frankfurt/O., Berlinerstr. 18“. In Frankfurt wird sie zunächst im städtischen Krankenhaus aufgenommen, dann in die Brandenburgische Landesanstalt zu Landsberg a.W. überwiesen. Dort befindet sich seit knapp einem halben Jahr bereits ihr Ehemann Heinrich, der offenbar allerdings bereits gut ein Jahr nach der Einweisung von Dorothea Büttner verstirbt.

Ihre Krankenakte fällt insofern auf, als sie vergleichsweise wenige und seltene Einträge enthält. Nach fünf Jahren NS-Herrschaft hat die Behandlung von Hilfebedürftigen von vornherein keine Priorität mehr. An lediglich zwölf Tagen ihres knapp zweijährigen Aufenthaltes in der Landsberger Anstalt werden Notizen zu ihrer Krankengeschichte vermerkt. Dann wird sie in den Tod geschickt. Der letzte lakonische Eintrag zeigt das Datum, an dem sie ihrer Ermordung entgegengeht:„22.5.[1940] Mit Sammeltransport verlegt.“ Laut Untersuchungen von Horst Joachim befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ein Urnengrab für Dorothea Büttner.

 

Quelle: Bundesarchiv: BA R179/2939

 

Heinz Reimann

 

Heinz Reimann wird 1928 in Frankfurt (Oder) in sehr ärmliche Verhältnisse geboren. Seine Mutter ist alleinerziehend. Sie wohnt in der Badergasse 7, der Name des Vaters wird in den Dokumenten verzeichnet, sein Aufenthaltsort jedoch ist laut Aktenvermerk unbekannt. Mit oder bald nach der Geburt wird bei dem Kind Epilepsie festgestellt und nach einer Pflegemöglichkeit gesucht. In dieser Situation ist Julius Rosenbaum aus der Richtstraße 57 in Frankfurt (Oder) bereit, die Vormundschaft für das Kind zu übernehmen. Julius Rosenbaum ist jüdischer Herkunft und wird selbst 1944 in Auschwitz ermordet, für ihn wurde in Frankfurt ein Stolperstein verlegt. Als Grund für die bevorstehende Einlieferung wird angegeben: „Weil für das Kind außerhalb einer geschlossenen Anstalt nicht ausreichend gesorgt werden kann. Die Mutter ist auch krank (lungenkrank).“ Im Alter von gut zwei Jahren wird Heinz tatsächlich in der Brandenburgischen Landesanstalt zu Potsdam aufgenommen. Wie sich später zeigen wird, hat er offenbar große Schwierigkeiten beim Lernen, kann sich teilweise nicht gut konzentrieren oder manchmal schwer seinen Frust kontrollieren. Heinz hat eine kleine Schwester, die sieben Monate alt ist, als Heinz in die Anstalt eingewiesen wird. Die Akte enthält einen umfangreichen Briefwechsel zwischen der Anstaltsdirektion und der Mutter, der die Schwierigkeiten der Alleinerziehenden dokumentiert, den Sohn in Potsdam zu besuchen: ständig ist jemand krank oder die Anstalt erteilt Besuchsverbot wegen dort

grassierender Krankheiten. Am 30. August 1938 wird verfügt, dass Heinz Reimann nach Brandenburg-Görden verlegt wird, die Verlegung erfolgt gleich wenige Tage später. Für die Angehörigen ist es nun automatisch noch schwieriger, das Kind zu sehen. Von dort wird er am 31. Januar 1939 „zu gegebener Zeit“ zur Unfruchtbarmachung angemeldet, der Antrag wird dann am 13. September 1939 „wegen des jugendlichen Alters“ zurückgezogen. Ein zynisch mit „Epikrise“ überschriebenes Dokument in seiner Krankenakte ist in Wirklichkeit sein Todesurteil. Der letzte Satz lautet: „21.5.40 Wird heute auf Verfügung des Reichsverteidigungskommissars in eine andere Anstalt verlegt.“ Tatsächlich wird der Junge an diesem Tag ermordet. Laut Untersuchungen von Horst Joachim befindet sich auf dem Frankfurter Hauptfriedhof ein Urnengrab für Heinz Reimann.

 

Quelle: Bundesarchiv BA R179-8152

 

 

[1] https://www.gedenkort-t4.eu/de/historische-orte/q4bdb-landesheilanstalt-meseritz-obrawalde#schnellueberblick (06.01.2019)

 

 

Stand: 27.05.2019

 

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Stand: 05.12.2019